David Shrigley: Tweetup

Die glamtastischen Kulturkonsorten haben ein bonfortionöses Tweetup zur Eröffnung der hervorglänzenden Ausstellung von David Shrigley in der Pinakothek der Moderne veranstaltet. Und wie ich so vergnügungsvoll durch Dr. Christian Griesens Blog kroch, stolperte ich über den schönen Satz:

Shrigley, der Sezierer des Menschen, hatte eine fleischlose Figur geschaffen und uns mit dem Innersten des Menschen konfrontiert. Auf den ersten Blick schien es, als wäre eine der Kreaturen aus seinen gezeichneten Animationsfilmen entkommen und in den “secret room” geklettert. Dort stand sie nun, frech und provozierend und rief uns zur Besinnung auf. Ein Spiel um Dissonanz, um inszenierten Dilletanismus in den heiligen Hallen eines Kunstpalastes. Ein Objekt, das die Wertschätzung und Interpretation des Betrachters braucht, um überleben zu können. Humoralpathologie hat das Lino Wirag einmal genannt.

Was schon irgendwie stimmen wird.

Giulia Enders: „Pflaume mit Pfiff“

Guilia Enders: Pflaume mit PfiffNachdem ihr Sachbuch „Darme mit Charme“ in wenigen Stunden an die Spitze der Bestseller-Listen schoss, legt die schöne Krankenschwester Giulia Enders nach: „Pflaume mit Pfiff“ (Ullstein untenrum, 8,99 €) behandelt ein Körperphänomen, das bislang eher für viszerale Verkrampfung sorgte als für Talkshowtauglichkeit: Vaginalflatulenzen.

„Wer kennt das nicht?“, lachte die 24-Jährige bei Markus Lanz, „kaum bückt man sich mal nach einem heruntergefallenen Stück Suppe, knallt es schon los.“ Eine Freundin hatte Enders auf das – oft verschwiegene – Thema aufmerksam gemacht. „Sie fragte: Habe ich zu tief in den Bauch geatmet? Ist mein Muttermund undicht? Muss ich den Beckenboden neu kacheln lassen?“, grinst Enders.

„Mir sind so viele Missverständnisse begegnet, dass ich es gemacht habe wie beim Golf: einfach aufs nächste Loch gespielt“, freut sich Enders und furzt mit den Lippen. Fertig war das Sachbuch zum Scheidenwind. Unterstützung erreichte sie auch von Alice Schwarzer. „Ein feiger Arsch lässt keinen mutigen Furz“, wird die Frauenrechtlerin auf dem Buchrücken zitiert: „Eine mutige Feige schon!“

Pirinçci, handgemacht (mit rechts)

Nachdem ich mich nun doch ein wenig mit der unappetitlichen Causa Pirinçci („linksgrün versiffter Staatsfunk“; Die Grünen als „Kindersexpartei“ usf.) beschäftigen musste, stellte ich mit Erstaunen fest: Dessen neues Buch „Deutschland von Sinnen“, das Ijoma Mangold in der ZEIT den ersten Hitler-Vergleich seiner Karriere abnötigte, ist in der „Edition Sonderwege“ erschienen.
Und dort wiederum in der Subreihe „Lichtschlag“, die auf den gleichnamigen Publizisten zurückgeht. André F. Lichtschlag wiederum verantwortet auch das Magazin „eigentümlich frei“, das — so zumindest Wikipedia — „weltanschauliche und personelle Überschneidungen mit der Neuen Rechten“ aufweist.
In summa erscheinen in der „Edition Sonderwege“ und bei „Lichtschlag in der Edition Sonderwege“ eine ganze Reihe von Autoren, die sich gerne mit scharfen Thesen zu Gleichberechtigung, Sozialstaat, Migrationspolitik usw. hervortun.
Die entsprechenden Titel und Untertitel lauten: „Die demokratische Sklavenmentalität“; „Was sind unsere Werte noch wert?“; „Frauenquoten – Quotenfrauen“; „Demokratie. Der Gott, der keiner ist“; „Die Kunst, regiert zu werden“; „Feindbild Muslim. Schauplätze verfehlter Einwanderungs- und Sozialpolitik“ (von Lichtschlag selbst); „Hitler in uns? Vom richtigen Umgang mit unserer Vergangenheit“; „Politische Korrektheit. Das Schlachtfeld der Tugendwächter“ et al.
Die „Edition Sonderwege“ nun ist wiederum ein Imprint von Manuscriptum. Einem Verlag, der – wie Logo und Name auf den ersten Blick erkennen lassen – seinerseits mit dem Edelkaufhaus Manufactum verbunden ist. Genauer: seit 2008 Eigentum der Thomas-Hoof-Gruppe ist, die dem ehemaligen Manufactum-Gründer gleichen Namens untersteht; Manufactum selbst gehört mittlerweile der Otto Group.
„Es gibt sie noch, die guten Dinge: Ausländerfeindlichkeit, sexuelle Diskrimierung und Frauenhass“?
Manufactum und Otto täten auf jeden Fall gut daran, sich zeitnah von den publizistischen Bemühungen des ehemaligen Firmenchefs zu distanzieren. Wenn sie denn überhaupt ein Interesse daran haben.

Nachtrag: Sehe gerade: Hilal Sezgin hat bereits am 1.8.2013 in der Süddeutschen auf die Verbindungen zwischen Manufactum und -scriptum hingewiesen und bei Letzterem dort „offenbar eine beachtliche Menge homophober, antifeministischer, revisionistischer, rassistischer und demokratiefeindlicher Schriften“ (Perlentaucher) entdeckt. Wofür sie postwendend und erwartungsgemäß von verschiedenen (neo-)konservativen Autoren angegriffen und beschimpft wurde (u.a. als „BlockwartIn“). Bei Sezgin heißt es:

Bei Manufactum, das heute wie gesagt nicht mehr Thomas Hoof, sondern zu Otto gehört, verweist man darauf, dass man an dem Verlag unbeteiligt sei. Drei harmlose Handwerks- und Haushaltsbücher kann man bei Manufactum zwar kaufen. Doch auf Anfrage heißt es: „Das Programmspektrum“ von Manuscriptum sei bekannt, man mache sich die Positionen „heute in keiner Weise zu eigen“; es sei aber „kein hinreichender Anlass, die aus unserer Sicht geeigneten Titel aus dem Programm zu nehmen“.
Sprich: Die Manuscriptum-Autoren mögen sich in Antifeminismus, Schwulenfeindlichkeit, Revisionismus und Rassismus befleißigen, aber das tut der Qualität der Gartenbücher ja keinen Abbruch.

Nachtragnachtrag: Und Jan Drees schrieb gerade, dass auch er in seinem Blog bereits gestern kurz auf den Zusammenhang hinwies. Dito die FAZ von vorgestern.

Dritter und letzter Nachtrag: Die guten Kollegen von der Huffington Post Deutschland haben die Anregung aufgenommen und auch von Manufactum ein, leider karges, Statement erhalten.

Rezension

Matthias Rürup von Fix Poetry hat „Irgendwas mit Schreiben“ gelesen. Gefallen hat’s ihm nicht.

Zu meinem Beitrag heißt es: „Kontrastiert wird dieser – irgendwie tiefergehende – Text durch den nachfolgenden – ich sag mal – lustig-absurd-wirkungsorientierten Poetry-Slam-Beitrag von Lino Wirag mit dem Titel ‚Rosette, Karlheinze und Adonius hotten zu DJ Retarded Tetris‘, der mit dem eigentlich alles sagenden Klammertext abbricht: ‚[endet hier wegen Unsinns]'“.

Zum Glück stimmt an diesem Votum fast gar nichts. Bin seit Jahren nicht mehr als Slammer aufgetreten und kann nur vor Rezensionen warnen, in denen sich Sprachmüll à la „irgendwie tiefergehend“, „eigentlich alles sagend“ und „ich sag mal“ massiert. Den Trick mit dem „eigentlich alles sagenden Klammertext“ habe ich übrigens von dem irgendwie und eigentlich ziemlich prima Horst Evers geklaut. Sag ich mal.

Morgen: Poetry Slam Pforzheim

Morgen (d.h. Donnerstag) Abend ist wieder Goldstadtslam in Pforzheim. Munter teilnehmen oder maulig zuschauen: Alles ist erlaubt.

Viele erquickende SlammerInnen haben sich bereits angekündigt. Mit dabei: Ramon Schmid, Caro Kübler, Mario Henn, Christof Wahner, Phriedrich Chiller, Bö Ni u.v.a. Und natürlich: Spezialfanal Dorian Steinhoff, der gerade ein neues Buch. Wirag soi-même wird comme toujours durch den Abend schubsen.

Kömmet zahlreich. Es lohnt und ist umsonst.

Bonn? Irgendwie komisch!

Gestern brach ein kleiner Neu-Abo-Regen über unseren minuskülen EXOT (www.exot-magazin.de) herein. Der Grund: Dieser Bericht des Bonner General-Anzeigers. Im Bild: Das Heft (Mitte, grün), vor der Erdanziehung geschützt durch Indecent Apprentice Supervisor Anselm Neft. Und durch einen Gesichtspfannkuchen ergänzt von Senior Executive Laughing Stock Manager Francis Kirps. Über Wirags (= Vice Contraceptive Dealer) Beitrag zum Heft steht zu lesen: „Von ‚Deutschlands führendem FAZ- und Faxenmacher‘ Frank Schirrmacher bleibt bei diesem Totalverriss erbarmungslos witzige acht Seiten lang nicht viel übrig.“ So war’s auch gedacht.

Die Macher des 'Exoten': Francis Kirps (links) und Anselm Neft.<br />
								Foto: Barbara Frommann

Hoeneß: Lyrikband angekündigt

„Sozialschmarotzer man mich jetzt schimpft,
Noch nie ich gefühlt habe mich so verunglimpft,
Dabei ich habe immer viel gegeben,
z.B. dem 1. FC Bayern München (fast) mein (ganzes) Leben.
Doch jetzt in den Knast ich wandern soll:
Wobei ich frage mich, was das soll?“

Cover-HohnVerse, deren authentische gedankliche Schlichtheit jedem Leser an die Nieren geht. Zeilen, aus denen der brennende Wunsch züngelt, die Wahrheit zu sprechen, sie notfalls zu erfinden. Was sich liest, als handle es sich um Fragmente aus dem Nachlass Erich Frieds, stammt in Wirklichkeit aus der Feder eines zeitgenössischen Dichters. Eines Poeten, der seine „Neigung“, wie er sie nennt, lange geheimhalten musste: Uli Hoeneß.
Erst in den kommenden dreieinhalb Jahren wird er „endlich Zeit haben, mein octopus magnum zu schreiben“, wie der freundliche Verbrecher der Literaturzeitschrift „BELLA triste“ mitteilte.
Er werde sich, so Hoeneß, eigens in ein „isoliertes Retreat im bayerischen Landsberg“ begeben, um endlich wieder Zeit für vernachlässigte Hobbies zu haben. Dazu gehören: das Schnitzen kleiner Phalloi aus Kernseife, das Zählen der Zellenfliesen und das Sammeln blauer Flecken während des täglichen Hofgangs. Und natürlich: das Dichten.
„Von alldem musste ich in den vergangenen Monaten aufgrund hoher steuerlicher Belastungen leider Abstand nehmen“, sagte Hoeneß der Literaturzeitschrift, sowie: „Aua! ‚Danke‘ für den blauen Fleck, den kannte ich noch nicht.“
Schon seit Jahren führt der ehemalige Nationalspieler eine unscheinbare Kladde mit sich, in der er nicht nur „erotisch gefärbte Schmunzeleien nach der Natur“ festhält, sondern „auch mal eine schnelle asklepiadeische Ode“, so Hoeneß.
Aufgrund der Popularität des Autors fand sich auch schon ein Verlag: Bereits für die Frankfurter Buchmesse ist der Band „Spott und Ho(e)hn(eß)“ angekündigt, der bei Luchterhand Leichtgewicht erscheinen wird. Der Autor beschreibt den Inhalt bescheiden als „eine Sammlung großer und kleiner Wahrheiten, die sich dem Allgemein-Menschlichen entgegenwölben.“ Ein Vorwort unter dem Titel „Ich fühle, was du fühlst“ wird Sepp Blatter beisteuern.
Erste Auszüge aus dem Band wurden bereits in „BELLA triste“ veröffentlicht. Sie entstanden nach Angaben des Autors noch während des laufenden Prozesses. „Steuerschuld – Schuldsteuer“ ist eines der Versgebilde suggestiv betitelt:

„Mitten auf der Erfolgsstraße
(Weltmeister 1974, Bayern-Chef usw.)
hinter meiner persönlichen Mehrleistungskurve
(voll viele Millionen p.A.)
lauert:
neidöliger Schandfleck
(Verdacht auf Steuerbetrug!)
rutsche rollsplitternackt
selbst(-)Anzeige nutzlos
reiße ich das Schuldsteuer
(Steuerschuld)
noch
herum?
Schrumm-brumm-di-brumm.“

„Ich habe nicht nur imaginäre Steuerschulden erdichtet, sondern auch rosenfingrige Poeme“, so Hoeneß während einer Vorablesung auf der Leipziger Buchmesse am gestrigen Samstag. „Inzwischen bin ich mir meiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Wenn ich meinen Mitbürger schon nicht auf finanziellem Weg entgegenkommen kann, will ich sie wenigstens mit meiner Kunst be‚reich‘ern“, schmunzelt der verurteilte Verbrecher.
Dann las er einige „köstliche Aperçus“ vor, wie er sie nannte. Aphorismen wie „Große Güte gehört nicht kleinlich vergütet“, „Wer dient, verdient“ und „Man kann sich hinterzogenes Geld nicht einfach aus dem Hintern ziehen“ stießen bei dem anwesenden Publikum allerdings nur auf gemischte Resonanz. Als Hoeneß sich dann noch eine weiße Weste reichen ließ und das Bonmot „Man soll nicht mit Fingern an den Armen auf reiche Leute zeigen“ nachlegte, harrten nur noch einige bayerische Vollzugsbeamte rund um die fußballförmige Leseinsel aus. Hoeneß schloss mit einem „irren Limer-verrück“, wie er ihn nannte:

„Es war mal ein Uli aus München,
Denn wollte das Landgericht lynchen.
Nur weil er vergessen,
Ein paar Peanuts zu blechen.
Mit denen zu rupfen ich noch habe ein Hühnchen.“

Geringschätzing

BÜCHER 03/2014 Hört, hört! Bzw. lest, lest: Gerade ist das neue Bücher-Magazin erschienen. Und innendrinnen: Literaturzeitschriften im Porträt (ab S. 32), unter anderem die tendenziell geile Zeitschrift für komische Literatur EXOT, die Wirag seit ein paar Jahren mitverantwortet.
Aktuelle Ausgabe (von EXOT, nicht Bücher-Mag) ist übrigens fast ausverkauft. Da hilft nur: Schnellung-Bestellung!