Humorkritik: Michael Kupperman

Um es kurz zu machen: Ich kann Michael Kuppermans surreale Comics, Werbeparodien und Kurztexte ohne Einschränkung empfehlen. Kupperman, 1966 in England geboren, schafft heute in Brooklyn an seiner eigenen Fassung einer Marken‑, Pop- und Kulturkultur, die vergangene und gegenwärtige Darsteller des öffentlichen Lebens ungeniert verrührt: So bewirbt Mickey Rourke in nostalgischem ‚Gartenlaube‘-Duktus eine eigene Kollektion von Schamhaarschablonen, und neben Büstenhaltern aus Nuss wird ein Kaugummi angeboten, der mit dem authentischen Geschmack der Geister verstorbener Indianer überrascht.

Kuppermans liebevoll gestrichelte Zeichnungen begeistern durch den Aufwand, mit dem sie Surreales, Absurdes, Dadaistisches in den Worten des Künstlers, „so ernsthaft wie möglich durchspielen“. Wenig verwunderlich, dass schon Kleinmichael Fernsehfan von Monty Python’s Flying Circus war. „My comic is humor for childish adults“, sagt der Künstler heute: eine Spielform der Komik, für die Forscher wie Rezensenten immer noch keinen rechten Ausdruck gefunden haben.

Dabei liegt der Begriff ‚Nonsens‘ nahe, ist dieser doch, zumindest in wissenschaftlicher Diktion „komisch, tendenzlos, textintern ausgerichtet und weicht von empirischen Tatsachen, logischen Gesetzen oder sprachlichen Regeln ab“, wie Peter Köhler weiß. Eine Definition, der noch hinzuzufügen wäre, dass Nonsens sich selbst ein stabiles Regelsystem errichtet, also das ‚Richtige im Falschen‘ behauptet. Dazu kann auch das Auslassen von Pointen oder der so überraschende wie sinnwidrige Wechsel des Bezugsrahmens gehören, für den die englische Sprache den lateinischen Ausdruck non sequitur verwendet, der mit ‚unlogische Schlussfolgerung‘ nur unzureichend übersetzt ist.

So kann Jesu Halbbruder Pagus – von dem die paganen (meint: heidnischen) Rituale abstammen – in seiner Freizeit auf einem Lavastrom durch sein unterirdisches Reich surfen und der Superheld The Mannister die Fähigkeit besitzen, sich in einen „bannister“, ein Treppengeländer also, zu verwandeln. Underpants-On-His-Head Man ist in dieser retro geschminkten Welt ebenso heimisch wie „Bambiffpow Jackson, there’s a fistfight in my very name!“.

Kuppermans lakonische Verbrechensbekämpfer Snake and Bacon brachten es 2009 sogar zu einer viertelstündigen Animationsserie (s.u.), von der allerdings nur eine Folge produziert wurde. Vielleicht war sie den Verantwortlichen zu unaufgeregt: Während Schlange jede Frage mit stets gleichem Zischlaut beantwortet, wird sie von Sidekick Speckstreifen durch bacon-bezogene Vorschläge der Form „Crumble me in a salad“ unterstützt.


© Michael Kupperman

Kenner komischer Künste werden sich beim Betrachten von Kuppermans Comickollektionen Snake ’n‘ Bacon’s Cartoon Cabaret (HarperCollins) und Tales Designed to Thrizzle (Vol. 1) (Fantagraphics) an Bill Griffith (den  Schöpfer von Zippy the Pinhead), den Briten Glen Baxter, das belgische Nationalheiligtum Kamagurka oder Eugen Egner erinnert fühlen: allesamt Wort-Bild-Künstler, deren Werk sich der Schaffung in sich stimmiger Parallelwelten widmet, die mit der uns bekannten lediglich über schmale Sinnbrücken verbunden sind.

Eine der wichtigsten Lektionen, die Kupperman seiner englischen Sozialisation entnommen zu haben scheint, ist die Verwendung trockenen Humors, der jegliches Schrille zwar nicht vermeidet, aber in einem Gewand maximaler Unaufgeregtheit präsentiert. Kupperman erreicht dies vor allem durch seinen holzschnittartigen Zeichenstil und seine nostalgisch-liebevolle Zuwendung zu allen vergänglichen Kulturphänomenen, die den Betrachter von vornherein in falscher Sicherheit wiegen.

Lautréamont hatte schon im 19. Jahrhundert das mot von der „zufälligen Begegnung zwischen einem Regenschirm und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch“ geprägt. Michael Kupperman ist es im 21. Jahrhundert vergönnt, dieser Begegnung das Zufällige zu nehmen und sie zu einer Kulturtechnik eigenen Ranges zu erheben. Ihm verdanken wir (unser Wissen um) pornografische Malbücher und die Etablierung der literaturwissenschaftlichen Erzählperspektive eines leckeren Hamburgers. Vor wenigen Wochen erschien Kuppermans jüngster Streich: eine illustrierte Autobiographie Mark Twains. Sie umfasst die Jahre 1910 bis 2010.

Übrigens: Wer lange Lieferzeiten scheut und jetzt gleich mehr von Kupperman haben möchte, möge sich bei Twitter einloggen. Dort plauscht nämlich ‚MKupperman‘ täglich mit seinen Followern.

Pilotfolge Snake and Bacon:

Komische Literatur

In der ausklingenden Woche schneiten einigen Neuzugänge meiner Bibliothek komischer/komiktheoretischer Literatur in den Briefkasten, die ich (mit einigen Einschränkungen) auch gerne weiterempfehlen möchte. Auf die Humoresken des Tschechen Hasek (vulgo: Hašek), für dessen „braven Soldaten Schwejk“ ich mich nie recht erwärmen konnte, wurde ich über eine Gernhardt-Humorkritik aus den 80ern aufmerksam, die Haseks Potential als routinierten Fabrikanten wertiger Lachprosa hervorhob. Habe leider noch nicht hineingeblickt, genausowenig wie in den Grümmer, daher recht flott weiter: In Tellkamps Poetikvorlesungen (der unter seinem NVA-Mützchen nicht gerade für den schwerelosen Umgang mit der conditio humana bekannt ist) findet sich sageundstaune ein Kapitel zur komischen Lyrik, das Tellkamp leider zu einer flusigen Kritik an den fein gefügten Gedichten der Kollegen Jacobs und Politycki nutzt. Ob hier eher literaturbetriebliche Animositäten, mangelndes Ironieverständis oder weltanschauliche Scheuklappen eine Rolle spielen, vermag ich nicht zu sagen. Auch ansonsten ist der Band recht disparat mit Prosagedichten, lyrischen Inhaltsangaben und Zitatcollagen aus Tellkamps alltime favourites gefüllt. Empfehlen kann ich dagegen die zwei Rowohlt-Bände, die den Eppendorfer Bären in all seiner (nicht unbedingt liebens-, aber achtenswerten) Eigentlichkeit vorführen. Zipperts Kolumnensammlung schließlich ist grundroutiniertes Komikhandwerk neuer Frankfurter Schule, immer wieder diszipliniert den Vulgaritäten des Alltags abgetrotzt und in fallhöhendichte Miniaturen komprimiert. Dass Zippert seine eigenen Ideen allerdings alle paar Monate recycelt, fällt in einer Tageszeitung vermutlich weniger auf als in einem gebundenen Sammlung: Hier wäre mehr Sorgfalt bei der Auswahl angebracht gewesen, ein Manko, das durch das hervorragende, an WimS gemahnende Bild-Text-Vorwort, aber mehr als ausgeglichen wird. Der kleine rote Gernhardt entstand am Rand dessen Essener Poetikvorlesungen und enthält außer einigen schwärmerischen Laudationes und einem wenig informativen Werkstattbericht nichts Neues. In toto: Zippert und Rowohlt guten Gewissens bestellen, den Rest überlassen wir lieber dem Sammler.

EXOT: Neue Website

Habe die letzten Abende damit zugebracht, die Website des EXOT, einer feinen Zeitschrift für komische Literatur, neu aufzusetzen. Die Seite schmort zurzeit noch auf einem werbekranken Gratisserver vor sich hin, wird aber bald an ihre Bestimmungsadresse umziehen. Auch sind noch nicht alle Inhalte vollständig eingepflegt. Sollte jemand Feedback zu Benutzerfreundlichkeit, Übersichtlichkeit oder Inhalten haben bzw. sich partout nicht zurechtfinden, freue ich mich über Rückmeldungen (gerne auch hier in den Kommentaren).

Auf der Startseite der Website ist übrigens (ähnlich wie in diesem Blog) eine kleine Umfrage implementiert, die für die zukünftige Gestaltung des EXOTs von einigem Interesse sein könnte. Ich zähle auf euch.