Ralph reichts: Die salonmarxistische Lesart

Theatrical release poster depicting the protagonist, Ralph, along with various video game charactersMit „Ralph reichts“ (richtiger wäre übrigens „Ralph reicht’s“ gewesen; aber das nur nebenbei) ist es Disney unfreiwillig gelungen, eine Parabel der modernen Arbeitsgesellschaft zu schreiben, die sogar schon Vierjährige verstehen dürften. Sagt zumindest der Salonmarxist in mir.

Aber lassen wir die Fakten sprechen: Die Welt der Arcade-Spielhalle, in der sich die Handlung von „Ralph reichts“ ausschließlich zuträgt, wird strukturell von mächtigen Investoren (den menschlichen Spielhallenbesuchern) beherrscht, die ihr Geld in verschiedene Spiele fließen lassen, um eine Reihe von unfreien Vasallen (den Computerspielfiguren) zum Tanzen zu bringen. Der menschliche Investor hat die Wahl, sein Geld entweder in hochmilitarisierte Kriegsführung („Hero’s Duty“), den schumpeterschen Zirkel von Zerstörung und Wiederaufbau („Fix-it Felix Jr.“) oder in die zuckersüße Karikatur neoliberaler Beschleunigungs-, Selbststeigerungs- und Wettbewerbsphantasien („Sugar Rush“) zu stecken.

Je mehr in ein bestimmtes Spiel investiert wird, desto höher dessen Marktwert; wird ein Automat jedoch nicht mehr nachgefragt, ’stirbt‘ das Unternehmen und die Mitarbeiter werden arbeitslos (wie es Q*bert und Kollegen passiert). Wenn innerhalb der Spiele auch nicht unbedingt tauschbarer Mehrwert produziert wird, so sind Ralph und Freunde doch typische Dienstleister, die acht und mehr Stunden am Tag einer durchtakteten Routine nachgehen müssen, bevor die Spielhalle schließt und sie einem trostlosen Feierabend entgegensehen dürfen.
Die Meinungen und Gefühle der Spielfiguren, die zum Vergnügen der Investoren instrumentalisiert werden, sind dabei völlig unmaßgeblich, selbst ihr (temporärer) Tod wird gezielt in Kauf genommen. Sie sind im Wortsinne ‚programmiert‘ (sogar emotional) und von der Zurichtung ihrer Welt auf Gedeih und Verderb abhängig.

Ralph ist einer dieser Entfremdeten, den nach 30 Jahren des Ausharrens die große Gratifikationskrise packt: Er will auch endlich mal eine Medaille bekommen; eine Rolle, die ihm – als Bösem – nicht zugedacht ist. Da hilft nur, genau wie in der modernen Arbeitswelt, der Gang zur (Gruppen-)Therapie, bei der man sich der gegenseitigen Wertschätzung versichert und die eigene Fremdbestimmtheit zu akzeptieren lernt.
Als es Ralph schließlich titelgebend ‚reicht‘, zeigen sich die wahren Dimensionen der geordneten Spielhallenwelt: Ein Ausbrechen aus dem Knast der Wiederholung wird mindestens mit Obdach- und Arbeitslosigkeit (dem vermeintlich defekten Spiel wird der Stecker gezogen), schlimmstenfalls mit der eigenen Liquidierung bezahlt. Echte Selbstbestimmung war in diesem Spiel nie vorgesehen.
Das einzige widerständige, im adornitischen Sinn nicht-identische Element dieser Welt ist der Glitch Vanellope, der allerdings an seiner gesellschaftlichen Teilhabe regelmäßig durch körperliche Gewalt und Einschüchterung gehindert wird und als Obdachloser am Rand der Gesellschaft existieren muss; unfähig, das Spiel zu verlassen und damit vielleicht Aussichten auf soziale oder berufliche Beweglichkeit zu bekommen. Vanellope wird ausschließlich von dem Verlangen angetrieben, von den Mechanismen des Spiels akzeptiert und ’sinnvoller Teil‘ der Arbeitsgesellschaft werden zu können; Ralph dagegen ist an einem sozialen Aufstieg innerhalb seines eigenen Segments der arbeitsteiligen Gesellschaft gelegen, die er notfalls mit unlauteren Mitteln (er ‚erringt‘ die Medaille in „Hero’s Duty“ nicht wirklich regelkonform) zu erreichen sucht.

Am Ende wird natürlich – im disneyschen Sinne – alles gut. Niemand hat seine Job verloren (bis auf den Betrüger Turbo, der gerichtet wird). Der Glitch, der noch für ein Moment der Resistenz gebürgt hatte, ist eingegliedert worden und hat gelernt, seine nicht-identischen Fähigkeiten identisch zu machen, indem er sie sogar noch den Mechanismen der Steigerungslogik angedeihen lässt (Vanellope ‚funktioniert‘ aufgrund ihrer Fehlprogrammierung noch besser als ihre Konkurrentinnen).
Ralph ist der soziale Aufstieg innerhalb seiner Vergleichgruppe gelungen, obwohl seine Tätigkeit nach wie vor die gleiche ist. Er hat versucht, sein Schicksal zu ändern und daraus nur gelernt, zu akzeptieren, dass seine Selbstbestimmung weniger wichtig ist als die Hierarchie zwischen Über- und Unterbau. Und auch die ehemals selbstbestimmte Frau (Jean Calhoun aus „Hero’s Duty“) ist bei ihrem integren Heimwerker glücklich unter der Haube.
Die Schaltkreise sind wieder geschlossen. Und alle lächeln glücklich in den Abspann hinein. Nein?

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